Nach der Evakuierung ist vor der Evakuierung – die Ortskräfte Lüge – Tick -Tack

Etwa 4200 Afghanen konnten bis zum Ende der Luftbrücke am Donnerstag nach Deutschland gebracht werden.

Doch nun ist die Ernüchterung gross: Nur 138 ehemalige afghanische Ortskräfte mit 496 Familienangehörigen sind von der Bundeswehr tatsächlich evakuiert worden. «Die Welt» und die «Bild»-Zeitung hatten dies zuerst berichtet. Am Montag bestätigten und präzisierten Sprecher der an der Evakuierung beteiligten deutschen Ministerien die Zahlen.

Der Kabuler Flughafen wurde zum Nadelöhr

Warum sind es dann aber nur so wenige? Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes machte klar, dass das Nadelöhr zur Evakuierung der Flughafen Kabul gewesen sei. Es sei für Personen mit deutschen Papieren viel leichter gewesen, zum Flughafen zu gelangen, als für solche mit ausschliesslich afghanischen. Soll heissen: Für ehemalige Ortskräfte gab es kaum ein Durchkommen. Ergo konnten sie nicht mitgenommen werden.

Doch nach der Evakuierung ist vor der Evakuierung: Der deutsche Aussenminister Heiko Mass verhandelt derzeit mit Taliban und Staaten der Region, wie eine zivile Ausreise über die Aussengrenzen oder den Flughafen Kabul aussehen könnte. Die Zahlen sind dabei beträchtlich. Von mehr als 40 000 verbliebenen Berechtigten allein mit Ortskräftebezug geht die deutsche Regierung aus. Auf jede ehemalige Ortskraft werde aus Erfahrung der Faktor fünf angewandt, um die ebenfalls ausreiseberechtigte Kernfamilie mit zu erfassen, sagt ein Sprecher des Innenministeriums.

Die deutsche Regierung rechnet mit 40 000 Berechtigten

Zur Erinnerung: Noch am 14. August – also einen Tag vor dem Fall Kabuls und wenige Tage vor Beginn der deutschen Evakuierungsaktion – waren beim Innenministerium für die gesamte Bundesregierung nur 174 zu evakuierende Ortskräfte registriert. Hinzu kamen deren Familienangehörige. Insgesamt 886 Personen sollten nach Deutschland ausreisen. Aber wie ist der massive Anstieg vom 14. August mit seinen knapp 900 ausreiseberechtigten Ortskräften auf jetzt über 40 000 Personen zustande gekommen? Nach Auskunft des für das Ortskräfteverfahren zuständigen Innenministeriums kam es durch kontinuierliche «Nachreichungen» anderer Ressorts dazu. Diese hätten ihren «Bedarf» in den vergangenen Wochen schrittweise nachgemeldet.

Zu den noch in Afghanistan verbliebenen deutschen Staatsbürgern sowie Ortskräften kommt noch eine dritte Gruppe von schutzbedürftigen Personen hinzu. Dabei handelt es sich etwa um nach der Machtübernahme der Taliban besonders gefährdete afghanische Journalisten, Frauenrechtlerinnen und andere NGO-Mitarbeiter. Vielen von ihnen hat Deutschland eine Aufnahmezusage gegeben. Exakte Listen liegen vor. Laut dem «Spiegel» könnte sich diese Gruppe samt Angehörigen auf mehrere zehntausend Personen belaufen, womit Deutschland insgesamt bis zu 70 000 Personen ein Aufnahmeversprechen gegeben hätte. 

Die Balkanländer Albanien und Kosovo haben ihre Bereitschaft bekräftigt, Tausende Afghanen zumindest vorübergehend aufzunehmen. Albanien werde etwa 4.000 Menschen, die als sogenannte Ortskräfte für die NATO-Mission in Afghanistan tätig gewesen seien, sowie ihren Angehörigen Aufenthalt gewähren, erklärte Ministerpräsident Edi Rama dem US-Nachrichtensender CNN.

„Wir sind bereit, jene Afghanen aufzunehmen, die an uns als NATO geglaubt haben, die mit uns zusammengearbeitet haben und denen wir (in Afghanistan) nicht helfen können, wenn sie riskieren, getötet zu werden“, sagte er. Für die Betroffenen sei dies eine Frage auf Leben und Tod, für die NATO-Partner wiederum „eine schwere moralische Frage“, fügte er hinzu. Von da bis nach Deutschland ist es für Talibane nur ein Katzensprung

Im Auswärtigen Ausschuss des Bundestags hat Peter Scholl-Latour den deutschen Afghanistan-Einsatz zerrissen. Der Bundeswehr warf der Reporter vor, ihre Lager am Hindukusch kaum noch zu verlassen.0Anzeige

Wenn der Auswärtige Ausschuss des Bundestages tagt, tut er dies hinter geschlossenen Türen. Am Mittwoch machte er eine Ausnahme. Der Grund: Bei einer Anhörung sollte es um die Lektionen gehen, die Deutschland aus dem Einsatz der Internationalen Schutztruppe für Afghanistan (Isaf) ziehen kann. Der Einsatz endet am 31. Dezember 2014.

Dass die Besuchertribüne dabei voll besetzt war, lag am Thema, aber auch am Stargast der Sitzung. Denn als Experte war Peter Scholl Latour engeladen. Der inzwischen 90-jährige Journalist verkörpert wie kein anderer den Typus des Kriegsreporters, der die ganze Welt bereist hat. Scholl-Latour erklärt Afghanistan für verloren

„Wer halb Kabul aufnimmt, wird zu Kabul“ Scheter Poll-Bravur

Von Irrenhaus

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.